Die EU-Kommission sieht kein Handeln. Das Geld wird verteilt, aber die Ausgaben nicht kontrolliert.
Wenn sich ein Land 360 Millionen Euro jährlich für die Tötungen von Tieren leisten kann, was Deutschland noch nicht einmal für seine Tierheime übrig hat, warum brauchen Sie dann jedes Jahr 5,6 Milliarden Subventionen von unseren gezahlten Steuergeldern
In den vergangenen Jahren hat Rumänien immer wieder Schlagzeilen gemacht – nicht wegen seiner Kultur, seiner Landschaften oder seines Potentials als EU-Mitglied, sondern wegen der Art und Weise, wie das Land mit seinen streunenden Tieren umgeht. Hunde, die auf den Straßen Bukarests, Timișoaras oder Constanțas leben, sind ein sichtbares Zeichen eines strukturellen Problems. Was für viele Menschen ein alltägliches Bild ist, bedeutet für die Tiere ein Leben in Angst, Hunger und ständiger Bedrohung.
Nun gerät Rumänien erneut in den Fokus europäischer Politik. Eine parlamentarische Anfrage an die EU-Kommission brachte schwere Vorwürfe ans Licht: Es besteht der Verdacht, dass EU-Mittel missbräuchlich verwendet werden, um die systematische Tötung streunender Tiere zu finanzieren.
Die Vorwürfe im Überblick
Laut der Anfrage von mehreren Abgeordneten des Europäischen Parlaments, darunter Sebastian Everding (The Left), Anja Hazekamp (The Left) und Sirpa Pietikäinen (PPE), schließen lokale Gebietskörperschaften in Rumänien regelmäßig Verträge mit privaten Organisationen ab, deren Geschäftsmodell auf der Tötung von Straßentieren basiert.
Die Zahlen sind erschreckend: Allein im Jahr 2024 wurden 3.871 Hunde gefangen. Von ihnen überlebten nur 585 – 3.286 wurden getötet. Für diese Praxis flossen mehr als 2,7 Millionen RON, was umgerechnet rund 540.000 Euro entspricht.
Besonders brisant: Bei den Geldern könnte es sich teilweise um EU-Mittel handeln, die eigentlich für Tierschutzprogramme vorgesehen sind. Eigentlich sollen diese Gelder den humanen Umgang mit streunenden Tieren fördern – etwa durch Kastrationsprogramme, Aufklärungskampagnen und den Ausbau gemeinnütziger Tierheime.
Die Reaktion der EU-Kommission
Die EU-Kommission nahm die Anfrage ernst und überprüfte gemeinsam mit den zuständigen Behörden in Rumänien die Vorwürfe. In ihrer Antwort vom 4. September 2025 stellte Kommissar Olivér Várhelyi klar: Es gebe keine Hinweise, dass EU-Mittel für die Tötung streunender Tiere verwendet wurden.
Weder Gelder aus der Gemeinsamen Agrarpolitik noch Mittel aus der Kohäsionspolitik seien in diese Richtung geflossen. Auch der rumänische Aufbau- und Resilienzplan sowie das nationale Instrument für technische Unterstützung enthielten keine Maßnahmen, die Tötungen von Straßentieren fördern würden.
Darüber hinaus betonte die Kommission: Die Verantwortung für das Management streunender Tiere liegt nach wie vor bei den Mitgliedstaaten. Es gebe keine EU-weite Rechtsvorschrift, die den Umgang mit streunenden Hunden und Katzen regelt. Die Kommission verweist dabei auf internationale Standards der Weltorganisation für Tiergesundheit, die betonen, dass jedes Land individuell auf seine lokalen Gegebenheiten eingehen müsse.
Verantwortung oder Abwälzung?
Kritiker sehen in der Antwort der Kommission eine Ausweichbewegung. Natürlich stimmt es, dass die konkrete Verantwortung bei den Mitgliedstaaten liegt. Aber die EU ist nicht machtlos. Sie könnte klare Bedingungen an die Vergabe von Fördermitteln knüpfen, den Ausbau von Kastrationsprogrammen stärker unterstützen und mehr Druck auf nationale Regierungen ausüben.
Gerade Artikel 13 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union verpflichtet die EU dazu, den Tierschutz bei der Umsetzung ihrer Politiken zu berücksichtigen. Vor diesem Hintergrund wirkt es widersprüchlich, wenn gleichzeitig Millionen von Tieren innerhalb der Union nach wie vor unter systematischer Tötung leiden.
Humane Alternativen sind möglich
Tierschützerinnen und Tierschützer weisen seit Jahren darauf hin, dass es durchaus funktionierende Lösungen gibt. Kastrations- und Sterilisationsprogramme sind nicht nur human, sondern langfristig auch kostengünstiger. Erfolgreiche Beispiele aus anderen europäischen Ländern zeigen, dass durch konsequente Kastration die Zahl der Straßentiere innerhalb weniger Jahre drastisch gesenkt werden kann.
Aufklärungskampagnen sind ein weiterer Schlüssel: Viele Straßentiere stammen ursprünglich aus Privathaushalten. Fehlende Verantwortung, mangelnde Aufklärung und fehlende rechtliche Konsequenzen führen dazu, dass Tiere ausgesetzt werden. Mit einer besseren Gesetzgebung und einer aktiven Zivilgesellschaft ließe sich dieser Kreislauf durchbrechen.
Ein moralisches Problem für die EU
Die Tötung streunender Tiere ist nicht nur ein rumänisches Problem – es ist ein moralisches Problem für ganz Europa. Solange EU-Mitgliedstaaten solche Praktiken dulden, steht die Glaubwürdigkeit der Union in Frage. Denn wie will die EU weltweit Standards für Tier- und Umweltschutz einfordern, wenn sie im eigenen Haus massive Defizite zulässt?
Die Debatte über Rumänien zeigt auch, dass europäische Fördermittel unter noch strengere Kontrolle gestellt werden müssen. Auch wenn die Kommission aktuell keine Belege für Missbrauch gefunden hat, bleibt der Verdacht bestehen. Transparenz, unabhängige Kontrollen und die konsequente Zweckbindung von Mitteln sind nötig, um Vertrauen zurückzugewinnen.
Was wir tun können
Viele Menschen fühlen sich bei diesem Thema hilflos. Doch es gibt Handlungsmöglichkeiten:
- Unterstützung lokaler Tierschutzorganisationen – Spenden und freiwillige Hilfe können direkt vor Ort Wirkung entfalten.
- Politischen Druck erhöhen – Bürgerinnen und Bürger können ihre Abgeordneten im EU-Parlament anschreiben und auf eine klare Linie im Tierschutz drängen.
- Aufmerksamkeit schaffen – Indem wir über diese Zustände sprechen, teilen und informieren, verhindern wir, dass das Leid unsichtbar bleibt.
Fazit
Die Situation in Rumänien verdeutlicht, dass Tierschutz mehr ist als eine nationale Aufgabe – er ist ein europäisches Thema. Solange Tiere in EU-Mitgliedstaaten massenhaft getötet werden, statt humane Lösungen zu fördern, bleibt die EU hinter ihren eigenen Ansprüchen zurück.
Die gute Nachricht ist: Es gibt Alternativen. Kastration, Aufklärung und der Ausbau von Tierheimen sind erprobte Wege, die funktionieren. Jetzt braucht es nur noch den politischen Willen – und die Unterstützung von uns allen.
Denn eines ist klar: Das Leben von Straßentieren ist nicht weniger wert, nur weil es unbequem ist.
